Gott ist kein Zuschauer

Impuls #7 zur 40-Tage-Zeit // Zeit zu fliegen

Auch zum Hören:

Impuls #7: “Gott ist kein Zuschauer” von Jürgen Maubach (MP3)

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„Zeit zu fliegen“, unser schönes Motto für die 40-Tage-Zeit, hat seit dem schrecklichen Unglück am letzten Mittwoch einen traurigen Beigeschmack bekommen. Der geglückte Menschheitstraum vom Fliegen hat seine dunkle Kehrseite gezeigt: das Risiko des tödlichen Absturzes. Es erschüttert umso mehr, wenn wir heute davon ausgehen, dass es sehr wahrscheinlich vorsätzliches, menschliches Handeln war, als der Co-Pilot mit seinem erweiterten Suizid 149 Unschuldige in den Tod gerissen und das Leben ihrer Angehörigen und Freunde für lange Zeit mit Schmerz und Trauer belastet hat. Die unvorstellbare Tat eines Einzelnen hat aufgeschreckt und das normale Leben aus dem Takt gebracht. Solche kollektiv erfahrenen Schicksalsschläge vermögen es, uns sehr unterschiedlich tief zu berühren, je nachdem welche eigene persönliche Verlusterfahrung und Trauer sie erinnern und wieder lebendig werden lassen.

Der scheinbare Informationshunger und die sich überschlagenden Spekulationen sind ein Ausdruck der tiefen Verunsicherung, die eine solche Tat in unserer Gesellschaft hinterlässt. Sie erschüttert das Vertrauen in die geregelten Abläufe unseres Alltags und die Zuverlässigkeit unserer Mitmenschen. Und es sind die Fragen und die immer wieder wiederholten, teilweise spekulativen Antworten, die die verlorene Sicherheit wiederherstellen sollen. Warum tut ein Mensch so etwas? Warum müssen Unschuldige sterben? Wieso konnte es niemand verhindern? Warum hat man nicht schon früher Sicherheitsvorkehrungen getroffen?

Für Gläubige bleiben Fragen wie: Warum tut Gott nichts? Warum rettet er nicht? Warum greift er nicht ein? Warum geschieht hier kein Wunder?

Wir können nur zu Kenntnis nehmen, dass das anscheinend nicht der Weg Gottes ist, diese Welt zu erlösen von Leid und Trauer, von Ungerechtigkeit und Gewalt und im Letzten vom Tod.

Ähnliche Fragen stellen sich bei Jesus, wenn wir auf die Ereignisse schauen, an die wir uns in diesen Tagen der Karwoche erinnern: Warum musste er leiden? War es Gottes Wille, dass Jesus diesen blutigen, grausamen Tod sterben musste? Konnte oder wollte Gott es nicht verhindern? Warum hat er seinen Sohn nicht gerettet? Warum hat er nicht allen durch ein machtvolles Zeichen gezeigt, wer Jesus ist? Warum hat er nicht vor dem Tod eingegriffen? Warum hat er kein Wunder geschehen lassen? Warum geht Gott diesen Weg?

Ist es nicht unlogisch, dass Gott in Jesus aus Nazareth Mensch wurde, um dann zu leiden und zu sterben? Geht die Geschichte Jesu in den Evangelien nicht so aus, wie wir es täglich auch erleben: Macht und Geld triumphieren am Ende. Und Jesus, der Hoffnungsträger, stirbt.

Es lagen sicher viele Hoffnungen beim Einzug in Jerusalem auf Jesus: Dass er die Ungerechtigkeit beseitigt, dass er die verhasste Besatzungsmacht, die Römer aus dem Land jagt, dass er die korrupten Mächtige absetzt und ein Reich des Friedens beginnt.

Nichts von all dem passiert. Das war sicher auch ein Problem für einige seiner Freunde, allen voran für seinen Verräter Judas Iskariot. Sein Verrat wird heute vielfach als Provokation gedeutet, mit der er eine Initialzündung auslösen wollte.

Aber Jesus bleibt seinem Weg und damit seinem Gott treu bis zum Ende. Er geht den Weg zu Ende, auch in den Tod.

Ist er gescheitert? Wohl kaum! Kein Mensch hat in der Menschheitsgeschichte einen größeren Einfluss gehabt als dieser Jesus aus Nazareth, keiner bewegt bis heute so viele Menschen. Bis heute können wir erfahren, dass mit Jesus eine neue Kraft in diese Welt gekommen ist, die uns hilft mit Schmerz und Leiden, mit menschlichem Scheitern und Schwäche umzugehen. Eine Kraft, die sogar vor dem Tod nicht zurückschreckt.

Sein Weg ist nicht einfach zu begreifen, er hat mehr mit dem Loslassen als mit der Übernahme von Kontrolle zu tun. Aber vielleicht ist es der einzige Weg, das Leid und die Gewalt in dieser Welt zu überwinden. Es ist kein Konzept, das ich mit dem Kopf übernehmen kann. Der Weg Jesu will mich ganz, mein ganzes Leben. Und er führt mich durch die Person Jesu zu einer ganz neuen Beziehung zu Gott. Immer wieder brauche ich dazu die Geschichte seiner Passion, die Geschichte von der unvorstellbaren Liebe und Hingabe Jesu in seinen letzten Tagen. Wenn ich sie höre, kann ich mich ihm annähern, mich einfühlen und in Gedanken mitgehen. Im Blick auf Jesus komme ich dem Geheimnis Gottes näher, dem Mysterium seiner verborgenen Weisheit.

Richard Rohr, der amerikanische Franziskaner und Lehrer zeitgenössischer christlicher Spiritualität schreibt dazu:

„Wir leben in einer endlichen Welt, in der alles sterben und seine Kraft verlieren muss. Das ist schwer zu akzeptieren, und wir suchen ein Leben lang nach Ausnahmen. Wir suchen nach etwas Starkem, Unsterblichen, Unendlichem. Die Religion sagt uns, dass dieses Etwas Gott ist. Super, antworten wir, dann halten wir uns an diesen starken Gott. Und dann kommt dieser Gott daher und sagt: ‚Aber ich leide auch. Ich habe Teil an dieser Endlichkeit der Welt.‘“

Dieses Bild vom armen, verletzlichen und demütigen Gott, wie er in Jesus sichtbar wurde, ist der Kern des biblischen Gottesbildes. Das Leben und Leiden Jesu sagen uns, dass Gott nicht abseits steht, egal was uns passiert. Gott ist kein Zuschauer, er ist und bleibt der Gott mit uns, – der ich bin da!

Jürgen Maubach, Zeitfenster-Aachen

Zitat aus: Richard Rohr, Weitergehen, Inspirationen für jeden Tag, Herder, Freiburg, 2014, S. 327.

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